Klassische Archäologie
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Im Schatten des Iuppiter Anxur

Ausgrabungen im Kleinen Tempel auf dem Monte Sant’Angelo in Terracina

Terracina_Gesamtblick_mSeit 2019 untersucht das Institut für Klassische Archäologie im Rahmen eines deutsch-italienischen Forschungsprojektes das Terrassenheiligtum der römischen Hafenmetropole Terracina. Im Mittelpunkt steht die Erforschung des sog. Kleinen Tempels im Osten der Bergkuppe.
Obwohl es sich um eines der bekanntesten spät-republikanischen Terrassenheiligtümer Italiens handelt, liegen die letzten archäologischen Feldforschungen fast 100 Jahre zurück. Bis heute gibt es eine Vielzahl an Hypothesen, welchen Gottheiten die Tempel geweiht waren und wie der Ausbau der Bergkuppe im Detail vonstatten ging. Unter der Leitung von Francesca Diosono und Paul Scheding untersucht ein Team aus deutschen und italienischen Wissenschaftlern und Studierenden die Entwicklung und Bedeutung dieses so wichtigen Heiligtums im spätrepublikanischen Latium.

 

Geschichte

Die antike Stadt Tarracina, das heutige Terracina, liegt am Südrand der pontinischen Ebene auf halber Strecke zwischen Rom und Neapel. Die ehemals volskische Siedlung Anxur wurde 329 v. Chr. als römische Bürgerkolonie neugegründete und bildete in hellenistischer Zeit eines der kulturellen, religiösen und ökonomischen Zentren in Latium.

Seit 312 v. Chr. durch die Via Appia mit Rom und Capua verbunden und als Hafenstadt strategisch günstig gelegen, entwickelte sich die Stadt zu einem wichtigen Ex- und Import-Hafen der Region. Die wissenschaftliche Erforschung des Platzes begann bereits im 19. Jahrhundert, deren Ergebnisse 1883 durch R. de la Blanchères vorgelegt wurden. Eine erste ausführliche Darstellung der Archäologie und Geschichte der Stadt erfolgte durch G. Lugli im Jahre 1926, an die sich in der Folge Untersu-chungen zu Einzelbauten anschlossen.

Seit 2017 wird das antike Theater am römischen Forum durch die Ministero dei Beni Culturali weiträumig freigelegt. Trotz der enormen Bedeutung der Stadt für das hellenistische Latium liegt eine moderne Gesamtvorlage der Archäologie und Geschichte von Terracina und Heiligtum auf dem Monte Sant’Angelo bisher nicht vor.

Heiligtum

Terracina_Grabungsfläche_L

Das beeindruckende Architekturensemble liegt auf der steil aufragenden Bergspitze des Monte S. Angelo. Mit dem Heiligtum besitzt die Stadt, ähnliche wie Praeneste (Palestrina) eine monumentale Terrassenanlage in topografisch eindrucksvoller Lage, das weit über die Grenzen Latiums hinaus bekannt ist.
Welcher Gottheit die Tempel geweiht waren, ist nach wie vor nicht eindeutig geklärt. Zumeist wird angenommen, dass es sich hier um den Kultort des Iuppiter Anxur, des „kindlichen“ Iuppiter, gehandelt hat, der als Stadtgottheit in Terracina verehrt wurde. Neben der via Appia sind Heiligtum und Stadt zusätzlich durch eine Stadtmauer miteinander verbunden, die mit wehrhaften Rundtürmen ausgestattet ist.

Das Heiligtum auf dem Monte Sant’Angelo verfügt über drei Sakralbauten: der kleine Tempel (piccolo tempio), der große Tempel (grande tempio) und einen kleinen Antentempel (tempietto), die alle zwischen dem 2. und 1. Jh. v. Chr. errichtet wurden.
Der tempietto ist in eine von Säulenhallen gerahmten Platzanlage eingebunden, die am höchsten Punkt des Berges liegt. Die Funktion dieser Freifläche und deren umliegen-den Bauten konnte bislang nicht eindeutig geklärt werden.

Die untere Terrasse wurden bereits 1999–2000 durch Stefan Franz (TU München) bauhistorisch untersucht.
Sie verfügt über einen monumentalen Podiumtempel sowie eine Felsspalte mit Grotte, die wahrscheinlich als Orakel gedient hat. Der gut erhaltene Unterbau des großen Tempels, der aus parallel angeordneten Kammern mit Bögen sowie einem dahinter liegenden Gang bestehen, sind das Wahrzeichen des archäologischen Parks und der modernen Stadt.
Im Schatte der bekannten Monumente liegt die kleine Tempelterrasse im Osten, die den Gegenstand unseres Forschungsprojektes bildet. Gut erhaltene Wand- und Fußbodendekorationen im Unterbau deuten darauf hin, dass der Bau im 2. Jahrhundert v. Chr. entstanden ist und es sich damit um den ersten Tempel des gesamten Heiligtums handelt.
Somit gehört die Terrassenanlage zu den frühsten ihrer Art in Latium und eignet sich im herausragenden Maße dazu, die schöpferische Innovationskraft der hellenistischen Zeit in der Region zu untersuchen.

Ziele des Projekts

Das drei-jährige Ausgrabungsprojekt (2019–2021) widmet sich der Genese und Transformation des Kleinen Tempels. Ziel ist es, die Entstehungszeit des Baus zu bestimmen, die Architektur im Gesamtkontext des Heiligtums zu rekonstruieren und dessen Bedeutung für die Stadt und innerhalb der Entwicklungen im hellenistischen Italien zu verstehen.

Terracina_grabungsbild_L

Das Forschungsprojekt dient darüber hinaus als Lehrgrabungen des Instituts für Klassisch Archäologie der LMU München, an denen Studierenden archäologischer Fächer teilnehmen können. Qualifizierte Bewerbungen bitte via Mail an paul.scheding@lmu.de.

Leitung:

Dr. Francesca Diosono
Dr. Paul Scheding

Förderung:

Ludwig-Maximilians-Universität München
Bayerische Akademie der Wissenschaften, Archäologische Untersuchungen und Ausgrabungen zur antiken Urbanität
Comune di Terracina

Kooperation:

Soprintendenza Archeologia Belle Arti e Paesaggio per le province di Frosinone e Latina
Museo di Terracina
TU München, Lehrstuhl für Geodäsie
TU München, Lehrstuhl für Kartographie

Pressespiegel

LMU Pressemitteilung
Italienischer Fernsehbeitrag (RAI3)
Italienischer Zeitungsbeitrag
Archaeological Institute of America Online