Klassische Archäologie
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Ausstellung

Als der Kyniker Diogenes eines Morgens auf den Markt ging, hatte er eine angezündete Laterne bei sich. Auf die Frage, wozu er am hellerlichten Tag eine Laterne brauche, sagte er: „Ich suche Menschen“.
(nach Diogenes Laertius)

„Bevor man den Menschen sucht, muss man die Laterne gefunden haben“.
(Nietzsche, Der moderne Diogenes)

NEUES LICHT AUS POMPEJI

Was haben die Römer gesehen, wenn sie nachts feierten, arbeiteten, lebten, liebten? Zwischen November 2022 und März 2023 zeigen die Staatlichen Antikensammlungen (München) die Ausstellung „Neues Licht aus Pompeji“; eröffnet wird sie anläßlich der Münchner Lichtwoche. „Neues Licht aus Pompeji“ ist die erste umfassende Ausstellung zur Technik, Ästhetik und Atmosphäre des Kunstlichts in der römischen Antike. Die Ausstellung ist Teil des gleichnamigen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der LMU München geförderten Forschungsprojekts unter der Leitung von Prof. Dr. Ruth Bielfeldt (LMU). Sie wird von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern (LMU und Projektpartner) nach wissenschaftlichen und museologischen Gesichtspunkten erarbeitet und kuratiert.
Die Ausstellung bringt annähernd 130 römische Bronzeoriginale aus den Vesuvstädten Pompeji und Herculaneum als Leihgaben des Archäologischen Nationalmuseums von Neapel nach München: Öllampen, Kandelaber, Lampenständer, figürliche Lampen- und Fackelhalter. Neben den weltbekannten Statuen der Bronzeepheben werden zahlreiche gänzlich unbekannte Altfunde vorgestellt, die über Jahrzehnte vergessen in den Depots des Museums lagen. Sie werden eigens für diese Ausstellung erforscht und im Zuge der Erforschung restauriert. Zu sehen sind außerdem historische Nachgüsse aus dem Pompejanum Ludwigs I (Aschaffenburg) und Souvenir-Reproduktionen aus Sammlerbesitz.
Römisches Kunstlicht ist ein Medium der Gestaltung, es ist Lichtkunst. Es lebt vom Zusammenspiel von Licht und kunstvoll gestalteten Geometrien und Oberflächen der Lampenkörper und Raumwände. Und es lebt von der Wahrnehmung durch das menschliche Auge. Antike Lampen modulieren Licht, machen es als Lichtstrom, Reflektion und Schattenwurf für das Auge erfahrbar. Die Ausstellung lädt dazu ein, Licht zu sehen und zu verstehen. Schlüssel dazu sind die Bronzeoriginale selbst, die zur Nahsicht auffordern, begleitet von anspruchsvollen, aber gut verständlichen Erklärungen in Text, Bild und Modell. Historische und neue, in Zusammenarbeit mit der Kunstgiesserei St. Gallen AG experimentell-archäologisch erarbeitete Bronzenachgüsse, Lichtanimationen und virtuelle Beleuchtungssimulationen eröffnen neue Wege zur römischen, aber auch zu unserer eigenen Sinnenwelt.
Beleuchtung ist eine Kulturtechnik des Menschen, die ihn wesentlich zur Gemeinschaftsbildung befähigt. Darauf weist die der Ausstellung als Motto beigegebene Anekdote um den antiken Philosophen Diogenes, die Nietzsche berühmt gemacht hat. Diese anthropologische Perspektive von Licht als Medium der Gemeinschaft behält die Ausstellung bis zum Schluß im Blick. Zur Reflexion auf überzeitliche, mithin heutige Lichterfahrung regen Werke des Lichtdesigners Ingo Maurer an, die als ‚Interlopers‘ in den Ausstellungsparkours eingewebt sind, ebenso wie philosophische und lyrische Betrachtungen von Licht, seine Manifestationen und Bedeutungen, aus Antike und Moderne.
Die Ausstellung soll enden – und kulminieren – mit einem sog. „Hygge-Raum“, einem als Nische aufgebauten Wohnzimmerraum mit drei entlang der Wände aufgestellten Sofas (parallel zu den zuvor gesehenen römischen Trikliniumsnachbau aus dem Pompejanum), auf denen Besucher eingeladen sind Platz zu nehmen, um miteinander ins Gespräch zu kommen, unter anderem darüber, was Licht mit uns macht. In dem Raum, der aufs erste wie ein bürgerliches Wohnzimmer wirkt, sollen im drei verschiedene, regelmäßig wechselnde Lichtregimes ablaufen: zwei heutige und ein antikes. Der Hygge-Raum soll eine immersive Erfahrung von der atmosphärischen und gemeinschaftskonstituierenden Wirkung des Kunstlichtes bieten, auch indem er die Fremdheit (vielleicht auch die Vertrautheit?) des antiken Lichts vor Auge führt.